Apfelwein I. Freud und Leid für Neulinge im Apfelgeschäft.

Über 12 Millionen Apfelbäume soll es nach dem zweiten Weltkrieg in Hessen noch gegeben haben. Heute bleibt wohl ungefähr eine Million. Immer noch genug um selbst unter die Hobby-Obstbauern und -Kelterer zu gehen. Eine Lehrweg in unbestimmt vielen Teilen. 

Klartext: Die Wertschätzung gegenüber Apfelwein, Most oder Viez – auch bekannt als Ebbelwoi, Äbbelwoi, Ebbelwei oder Stöffsche – ist weitestgehend wirklich nicht sehr hoch. In Frankfurt kann man regelmäßig in entsetzte Gesichter blicken, die sich erstmalig der regionalen Spezialität hingeben wollen. Serviert direkt im Gerippten beziehungsweise für Gruppen im Bembel, ist der schon unter Germanen gepflegte „Ephiltranc“ dennoch in Hessen nicht wegzudenken. Als Neufrankfurter und Fan jedweder historisch weitreichenden Trinkkultur war ein Aufeinandertreffen meinerseits mit dem hiesigen „Schobbe“ zu erwarten. Dazu kommt, dass es mir Obstprodukte sowieso angetan haben. Seien es sortenreine Säfte der Rheinländer aus dem Hause van Nahmen, die großartigen Birnenschaumweine des Schwaben Jörg Geiger oder die feinen Brände des Südbadners Florian Faude. Zu den Produkten, mit denen ich mich schon vor Jahren beschäftigte, gesellten sich in Frankfurt schnell weitere Erzeugnisse: zuvorderst sortenreine Apfelweine der Kelterei Schneider und die stilistisch vielfältigen Weine der Kelterei Stier. Wer mehr kennen lernen möchte, dem sei für den nächsten Trip nach Frankfurt das Lorsbacher Thal oben auf die to-do Liste gesetzt. Allein der Blick in die Karte wird manch Herz schneller schlagen lassen.

Wertschätzung durch Wertschöpfung

Es gibt also großartige Produkte aus aller Welt – warum trotzdem der Mangel an Wertschätzung? Nun könnte ich mich Blogartikel um Blogpost mit mäßigen aber dennoch gut distribuierten Industrieprodukten beschäftigen und dieselben hinsichtlich Geschmacksprofil sezieren – insbesondere beim spitzfindigen Penetrieren von Säuren, Phenolen sowie Gerbstoffen würde ich neuralgische Punkte treffen. Des Weiteren könnte man sich beispielsweise gestiegenem Preisdruck und dem damit einhergehenden Preisverfall für Obstbauern im Angesicht der Globalisierung zuwenden oder den Siegeszug des Spalierobsts und dem dazugehörigen Niedergang alter Obstsorten seit den 1960ern kritisch beäugen. Die Wertschätzung gegenüber Apfelwein würde ich damit vermutlich nur mäßig erhöhen. Stattdessen möchte ich mich also dem widmen, das meines Erachtens aktuell zu sehr auf der Strecke bleibt: das Grundprodukt selbst und die darauf aufbauende, bis zum Apfelwein benötigte Wertschöpfungskette.

Dafür wählte ich den mit Sicherheit nicht schnellsten Lernprozess dafür aber die ohne Zweifel intensivste Herangehensweise: Ärmel hochkrempeln, unter die Hobby-Obstgärtner und Heimkelterer gehen und den mühsamen, mit Sicherheit langjährigem Lernprozess zumindest streckenweise hier im Blog begleiten. Im Bekanntenkreis fand ich schnell zwei Mitstreiter für das Projekt. Timm hat sich 2016 schon mal am Keltern probiert und Max bringt sogar einige Apfelbäume aus Familienbesitz mit. Zusätzlich konnten wir nach der Maxime „Hand gegen Land“ eine Streuobstwiese der Stadt Frankfurt in der Nähe von Max‘ Wiesen pachten. Frohlocket, 35 gestandene Apfelbäume sind damit aktuell unter unserer Obhut. Der Freude über vorhandenes Gut folgte unsererseits schnelle Ernüchterung.

Apfelbestimmung in miesen Erntejahren

Wie zum Teufel sollen wir diese drei Meter hohe Brombeerhecke auf dem Gelände der Stadt entfernen? Man kam anfangs nicht ansatzweise zu den Bäumen. Oder noch schlimmer: Warum müssen wir ausgerechnet im wohl schlechtesten Erntejahr seit Jahrzehnten starten? Später Frost, Ungeziefer (Apfelwickler) und Hagel setzten allen Obstbauern 2017 zu. Danke und willkommen in der Realität der Abhängigkeit von natürlichen Rohstoffen. Wenigstens kamen wir direkt bis an die Bäume von Max. Und da wir von Anfang an möglichst viel Verständnis für unsere möglichen Geschmacksprofile des Endproduktes bekommen wollten, lag die Folgefrage zumindest ebenfalls nahe: was sind das eigentlich für Bäume? Da schon die Wikipedia-Apfelsortenliste „über 6.500 Namen von über 4.800 Sorten mit über 2.700 Bildern des Kulturapfels“ enthält, war klar, ein Spezialist muss her.

Pomologe gesucht, Herr Nussbaum (sic!) gefunden. Für drei Euro den Baum brachte der Landessprecher des hessischen Pomologenvereins für uns Licht ins Dunkel. Dafür mussten wir vorab „nur“ alle Wiesen kartieren, die in unserem Fall keineswegs in Reih und Glied stehenden Bäume verorten und benennen, uns eine Schneise durch ein unendliches Brombeerdickicht fräsen, feststellen, dass auf unserer „wilden Stadtwiese“ Obdachlose wohnen, auf teils leider wirklich nahezu leeren Bäumen drei bis fünf Äpfel ernten (bevorzugt natürlich auf der äußeren Südseite des Baumes) und das gefundene Gut so zu Herrn Nussbaum bringen, dass wir anschließend immer noch zuordnen konnten, von welchem Baum welcher der über 100 Äpfel stammt. Gesagt, getan, gestaunt: 30 der 35 Bäume konnten wir bestimmen lassen, darunter beeindruckende zwölf unterschiedliche Sorten. Die restlichen fünf Bäume trugen entweder wirklich gar nichts oder die geschundenen 2017er Äpfel waren schlicht und ergreifend nicht bestimmbar. Trotzdem ein erfreuliches Ergebnis, dem aber eine weitere Ernüchterung auf dem Fuße folgte. Nur läppische fünf der 30 Bäume (2x Bohnapfel, 1x Brauner Matapfel, 1x Rheinscher Winterrambur und 1x Anhalter) tragen dieses Jahr vermeintlich genug, um überhaupt an die nächste Runde des Kelterprozesses zu denken.

Ob wir tatsächlich genug von dem Bäumen holen können, weiß ich während des Verfassens dieser Zeilen noch nicht. Ihr werdet es aber bald erfahren.

Steffen Hubert

Steffen Johann Hubert ist ehemaliger Mixology Magazin Autor und Bar Convent Berlin Mitarbeiter, für die bekannte Messe war er u.a. als Speaker und Moderator aktiv. Ab 2012 stand er für fast fünf Jahre im Dienste des Hamburger Spirituosenhauses Borco. Heute verdient er seine Brötchen abseits den Hinterzimmern der Spirituosenindustrie, was es ihm ermöglicht, seinen Erfahrungsschatz wieder als Autor einzubringen, natürlich auf trinklaune.de

1 Kommentar

  1. Find ich echt super das ihr das macht! Dieses Jahr ist echt richtig mies… so mies das ich es wohl auch sein lassen werde zu keltern. Letztes Jahr haben wir noch stattliche 300 Liter eingefahren. Ich mache „Cider“ bzw. Äbbelwoi mit viel Kohlensäure oder schon in der Flasche gespritzt. Falls ihr mal lust habt auf ein treffen sagt einfach bescheid. Wir könnten eine kleine Cider/Äppler Verkostung im Wir Komplizen machen.

    Cheers
    Bene

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