Egly-Ouriet 2002

Wann trinkt man seinen Champagner? Dreimal Jahrgang 2002.

Wer anfängt, Jahrgangschampagner zu kaufen, ist zwangsläufig mit der Frage nach dem Trinkzeitpunkt konfrontiert. Und obwohl ich nicht glaube, dass es den einen, perfekten Moment gibt, den es zu erwischen gilt, ist es doch eine generelle Überlegung, was man lieber mag.
Soll der Wein noch jung, knackig und frisch sein, mit erkennbarer Frucht und viel Kohlensäure? Das Gegenteil am anderen Ende der Skala lautet: Sherry-Aromatik, Nuss und Mandel – ein mitunter etwas träger Wein kann in der Flasche sein, wenn man zu lang gewartet hat.
Alles dazwischen ist möglich – je nachdem, wann man eine Flasche aufzieht. Nun stellt sich die Frage: Was möchte man?

Zu berücksichtigen sind dabei die verschiedenen Faktoren, die erheblichen Einfluss auf die Reife und den Zustand des Weins haben: Wie viel Sauerstoffkontakt gab es bei der Flaschengärung, in Abhängigkeit von den verwendeten Kronkorken? Wie viel Säure ist im Wein? Wie hoch ist die Dosage? Und natürlich allem voran: Wann wurde der Champgner degorgiert?

Der Jahrgang 2002 gilt neben 2008 als der beste der 2000er-Jahre – ein Grund, sich 2002er in den Keller zu legen.  Vor einiger Zeit haben wir ein paar dieser Champagner geöffnet – mit durchaus überraschenden Ergebnissen. Darum gibt es dieses Mal nur ein paar zentrale Eckpunkte bei den Verkostungsnotizen, sodass die Weine greifbar werden.

Billecart-Salmon Blanc de Blancs 2002

Billecart-Salmon Blanc de Blancs 2002

Los ging es mit Billecart-Salmon Blanc de Blancs 2002. In der Nase eine schön balancierte Reife, darunter cremig, Zitronen, ausgesprochen elegant. Die Reife ist schon deutlich merklich, siehe auch den Korken, Mandel und Haselnuss klingen an, dazu eine Vanille-Butter-Crème.
Diese Eindrücke bestätigen sich am Gaumen, erneut eine schöne Zitrusnote, die Kohlensäure ist nicht mehr stürmisch, sondern schön eingebunden. Ein sehr gelbfruchtiger und eleganter Wein, Honigmelone und Akazienhonig kommen dazu.
Der Billecart-Salmon macht eine gute Figur und weiß zu gefallen. Beinahe schon zu sehr. Ein in Summe sehr gefälliger und runder Wein, dem – Klage auf hohem Niveau – ein bisschen mehr Profil durchaus gut stünde.

Pol Roger 2002

Pol Roger 2002

Der zweite Vertreter kommt aus einem Haus mit ähnlicher Ausrichtung von Billecart: Pol Roger 2002. Auch ein eher kleines Traditionshaus, auf dessen Weine stets Verlass ist. Der Wein bringt eine ausgesprochen einladende Nase mit, eine große Schaufel schwer zu differenzierender Aromen bietet sich an. Sehr rund und harmonisch wirkt dieser Wein, mit etwas Rosine und viel Tiefe. Am Gaumen zeigt sich eine von Tonka und Vanille geprägte Gewürzaromatik, die in der feinen Säure und der dunklen Frucht ideale Gegenspieler findet. Ein extrem runder Champagner, der hervorragend gereift ist. Alles wirkt integriert, nichts sticht hervor, aber der Wein droht keineswegs ins Belanglose abzugleiten. Pol Roger – wie immer eine Bank.

Egly-Ouriet 2002

Egly-Ouriet 2002

Der dritte Wein des Abends ist der einzige Winzerchampagner: Egly-Ouriet 2002. Für mich zählt Egly zur allervordersten Reihe der Champagnerproduzenten. Der Pinot-König mit besten Lagen, jeder Wein auf den Punkt, mittlerweile durchaus hochpreisig. Dies gilt auch für den Millésime, der mit 120 € finanziell das Schwergewicht der Verkostung ist. Der Wein wurde im Juli 2014 degorgiert und bringt somit neben elf Jahren Hefelager auch solide drei Jahre im Keller mit. In der Nase präsentiert sich der Wein tief, dunkel und geheimnisvoll. Flintstein, laktische Töne und Pflaume. Eine massive Intensität. So setzt es sich auch am Gaumen fort. Fett und dunkel, Kakaoschale mit einer hervorragend integrierten, durchaus präsenten Säure. Ein Ausnahmewein, die viel Widersprüchliches vereint. Die Frucht ist nur noch zu erahnen, viel Kalk, das volle Programm. Ein Füllhorn mit extrem viel Substanz, man könnte sagen: „Viel Fleisch am Knochen“. Hervorragend.

Unsere drei 2002er haben – neben viel Trinklaune – für mich bestätigt, was ich bereits seit einiger Zeit mit Jahrgangschampagnern tue. Nicht zu lange liegen lassen. Ich schätze die Frische, das Knackige und Präsente junger Champagner. Und jeder Champagner wird mit zwei Jahren Lagerung besser – nicht unbedingt aber mit fünf oder zehn Jahren. Die Energie baut ab, das Elegante kann plump und träge werden – mir sagt es immer weniger zu.

2002 ist zweifelsohne ein Jahrgang, der hervorragende Champagner hervorgebracht hat. Weiter reifen lassen würde ich die allermeisten – Krug oder Salon können hier getrost als Ausnahmen gelten – aber nicht mehr.

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

Krug 2004

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