Selosse Le Bout du Clos

Champagner extrem: Jacques Selosse Lieux-dits: Ambonnay Le Bout du Clos

Dürfte ich nur noch Champagner von zwei Erzeugern trinken, einem Haus und einem Winzer, müsste ich nicht lange nachdenken: Krug für die Häuser, Selosse für die Winzer.

Anselme Selosse ist der Übervater der Winzer, derjenige, der als einer der ersten mit der Übernahme burgundischer Techniken wirklich erfolgreich wurde. In dem Fahrwasser seines Erfolgs konnten andere, heute längst etablierte Ikonen der Champagne-Winzer folgen.

Der Schlüssel zum Erfolg wirkt auf dem Papier schlicht: hervorragende Lagen, gekonnte Bewirtschaftung (mittlerweile in Permakultur), neue und alte Fässer, wenig Eingriffe in den Wein, unfiltrierte Abfüllung, dazu ein übersichtliches Portfolio. Und dennoch ist es Anselme Selosse gelungen, eine Handschrift seiner Champagner zu kreieren, die sie einzigartig und auch identifizierbar macht. Dazu eine ambitionierte Preisgestaltung und nur geringe Verfügbarkeit – beste Voraussetzungen für einen Hype.
Hinter einem Hype stecken oft viel Gerede und heiße Luft, am Ende des Tages ist jedoch jeder Selosse vor allem eines: herausragend in seiner Qualität. Ein seltenes Champagnererlebnis, dem umso mehr Bedeutung zugemessen wird – allein aufgrund von Preis und produzierten Mengen. Und ein „Basiswein“, der im dreistelligen Bereich angesiedelt ist – das kann sonst nur Krug, von Geschmacklosigkeiten wie Armand de Brignac einmal abgesehen.

Vor einiger Zeit hat Anselme Selosse sein Portfolio um sechs Einzellagen erweitert, vier Pinot Noirs, zwei Chardonnays. Vier dieser Weine sind mit Mühe und Geld (ca. 250 €) auf dem Markt zu beschaffen, die anderen beiden sind nur in einer Kiste mit allen sechs Weinen (ca. 2000 €) zu erwerben.

Auch bei diesen Champagnern folgt Selosse nicht dem Jahrgangsfetischismus vieler Winzer, sondern will der Lage und ihrem Ausdruck eine Gestalt geben, nicht jedoch dem Jahrgang. Ein Prinzip, das sich in fast jedem Wein von Anselme Selosse finden lässt, nur mit Ausnahme des Millésime.

Selosse Le Bout du Clos

Selosse Le Bout du Clos

Jacques Selosse Le Bout du Clos
100 % Pinot Noir, deg. 01/2017, Gabriel Glas
Nase:
Sehr krass in der Nase, fast ein wenig anstrengend, so hoch ist die Intensität, die einem entgegenschlägt. Walnuss, Hyazinthe, Rose und Schwarzpulver. Überbordend viel Energie und Druck; fast orange funkelt er aus dem Glas.
Gaumen:
Die extreme Konzentration macht sich auch hier bemerkbar, der Wein braucht sehr viel Luft und Zeit. Nüsse und kräftig duftende Blüten, fast an Rancio oder Vin Jaune erinnernd. Der leicht oxidative Stil ist eindeutig erkennbar. Safranwürze und die Aromatik von Bitterorangenschalen.
Mit Zeit und Luft kommt Ordnung in diesen extrem energiegeladenen Champagner, der sich mit Kinkerlitzchen wie Frucht oder Freundlichkeit nicht aufhält. Der Wein wirkt integrierter, die kräftige Kohlensäure bleibt bestehen und Stück für Stück entpuppt sich ein Champagner von ganz besonderem Charakter.

Ich muss gestehen: Nach dem Einschenken war ich enttäuscht. Wir haben den Wein mit hochkarätiger Konkurrenz verkostet, unter anderem Sapience 2008 (hierzu folgt in Kürze ein separater Artikel) und hauseigener Konkurrenz in Form des V.O., dessen Degorgement bereits drei Jahre zurücklag. Die Erwartungen an solch einen singulären Champagner waren hoch und er hat die Meinung unserer Verkostungsrunde durchaus geteilt.
Mit Zeit und Ruhe hat sich mein ursprüngliches Urteil jedoch gewandelt. Diesem Champagner muss man sich widmen, man braucht Zeit – der Wein ebenfalls. Sicherlich wäre ein weiter zurückliegendes Degorgement hilfreich gewesen, aber oft reichen schon etwas Luft und Geduld.
Gerade auch im Kontrast zum V.O., der als lupenreiner Selosse zu identifizieren war, fallen die Wucht und Kraft des Le Bout du Clos auf. Wild und scheinbar völlig ungezügelt wirkt dieser extreme Champagner zu Beginn und er bleibt der Hulk in Champagnergestalt. Selosse drückt Ambonnay und das Terroir der Lage aus, aber vor allem präsentiert er ein konsequentes Beispiel für seine persönliche Art, Champagner zu denken.
Festzuhalten ist aber: Dieser Champagner ist ein Genuss. Ein ganz besonderer Genuss, einer, der fordert und es nicht leicht macht, der dafür aber mit einem völlig unbekannten Champagnererlebnis belohnt.
Druckvoll, energiegeladen, präsent.

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

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