Attaboy

Sofortiger Mischbefehl: der Paper Plane

Hat sich euer Rezeptesammelsurium über die Jahre auch runtergekocht wie der Hummerfond nach ein paar Stunden? In meinem Bücherregal jedenfalls stehen Cocktailbücher mit mehr Rezepten, als selbst Shiva mit seinen vier Armen im Jahr zusammenschütten könnte. Und dennoch reduziert sich mein Präsenzwissen auf etwa ein bis zwei Dutzend Rezepte und Variationen.

Weil das so nicht bleiben kann, habe ich ein wenig abgestaubt und geblättert. Und einen modernen Klassiker gefunden, der aus unerfindlichen Gründen in Europa ein Nischendasein fristet, während er sich in Nordamerika stetiger Beliebtheit erfreut. Der „Paper Plane“. Er soll insbesondere in Toronto „auf jeder Karte zu finden sein.“  Zeit also auch für uns, ihm einen Blogbeitrag zu widmen.

Schöpfer des Paper Plane ist Sam Ross, der unter anderem auch für den Penicillin Cocktail verantwortlich zeichnet und der im Milk & Honey und seinem Nachfolger, dem Attaboy, der Cocktailrenaissance einen ordentlichen Schubs verpasste. Der Paper Plane war eine Auftragsarbeit für die Eröffnungskarte der Chicagoer Violet Hour Bar im Jahr 2008. Ross machte sich auf, den Last Word auf Bourbon Basis zu variieren. Und gelangte schlussendlich zu folgendem Rezept:

  • 2 cl Bourbon
  • 2 cl Zitronensaft
  • 2 cl Aperol
  • 2 cl Amaro (Nonino Quintessentia)

Das Konzept ist Last Word-typisch. Eine Mischung gleicher Teile von Grundspirituose, Säure, fruchtigem Likör und kräutrigem Likör. Typisch für Ross, für den klassische Cocktailrezepte unverzichtbare „Formeln der Ausgewogenheit“ sind. Für den Bourbon empfiehlt er einen etwas höherprozentigen, der aber dennoch aromatisch mild ist. Ich habe mich für Angel’s Envy entschieden, der 43,3% und ein Portwein-Finishing mitbringt und damit beides, Power und volle Süße. Amaro Nonino ist insoweit recht einzigartig, da er auf Grappabasis hergestellt wird und eher mild und süß daherkommt. Ich habe ihn durch Amaro Averna ersetzt, da die anderen Varianten entweder zu bitter (Ramazzotti, Fernet Branca) oder zu orangig (CioCaro, Montenegro) gewesen wären. Serious Drinking hier! Der fantastische Name Paper Plane stammt übrigens von dem gleichnamigen Song der Rapperin M.I.A., der parallel bei der Entstehung in Dauerschleife gelaufen ist.

Nicht zulange schütteln, der Drink braucht nicht viel Schmelzwasser! Ohne Eiswürfel in vorgekühlter Cocktailschale servieren. Eilig inhalieren! Eine feine Säure, ein stabiles Bourbongerüst, komplexe Gewürznoten wechseln sich ab. Mal wieder ein klassischer Drink, bei dem es nicht auf jede einzelne Zutat, sondern deren Zusammenspiel ankommt. Daher: Sofortiger Mischbefehl!

 

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

Yuzu
Chartogne-Taillet

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