Große Weine brauchen Zeit. Krug 2006

Große Weine brauchen Zeit. Für Champagner gilt das auch, wenngleich man Reife hier anders denken muss als bei Bordeaux und Co., die mehr oder weniger zügig nach der Ernte auf den Markt kommen und im Keller Jahrzehnte überdauern können. Die Lese des neuen Jahrgangs von Champagne Krug – 2006 – ist knappe 14 Jahre her. Das liegt am Herstellungsverfahren, Champagner beginnt erst in der Flasche zu reifen, wenn er degorgiert wurde, also von der Feinhefe genommen. Aber zwölf Jahre im Keller des Hauses sind dennoch eine außergewöhnlich lange Reifedauer, die einen Champagner maßgeblich prägt. Es gibt sehr gute Champagner mit recht kurzer Reife auf der Feinhefe, oft von jungen Winzern, die ungestüme, drängende, energiegeladene Weine machen. Aber ein nobler, eleganter und niemals lauter Wein wie Krug braucht Zeit. Zeit im Keller des Hauses und gern auch noch einen Moment in der Flasche nach dem Kauf. Lagerfähig sind solche Jahrgangschampagner sehr lang, die Frage ist eher, wie man seinen Champagner mag.
Nachdem ich eine längere Zeit gern reifere bis reife Champagner getrunken habe, merke ich derzeit verstärkt, dass ich mich davon aus zwei Gründen entferne. Einerseits nähern sich Champagner an. In der Jugend unterschiedliche Weine können überprägt werden von Tertiäraromen. Sherry-Töne, Oxidation, sehr reifer Apfel. Das muss nicht passieren, aber das Risiko besteht. Andererseits gehen die Frische und die Energie verloren. Nicht nach drei Jahren Flaschenreife, auch nicht nach fünf. Aber nach zehn oder zwanzig Jahren fehlt oft die energiegeladene Eleganz, die ein großer Champagner für mich braucht.

Somit liegt die Flasche Krug 2006 in einem sehr schönen Reifefenster. Der Wein wurde im dritten Quartal 2018 degorgiert und stammt aus einem recht heißen Jahr, das viele gute Jahrgangschampagner hervorgebracht hat. Die Cuvée besteht aus 48 % Pinot Noir, überwiegend aus der Montagne de Reims und Les Riceys, die für Fülle und Körper sorgen. 35 % Chardonnay und – typisch Krug – 17 % Pinot Meunier komplettieren die Cuvée.

Krug 2006

Krug 2006
48 % Pinot Noir, 35 % Chardonnay, 17 % Pinot Meunier; deg. 3. Quartal 2018; getrunken aus Josephinenhütte No. 4
Nase:
Unendlich eindeutig Krug! Opulenter Schmelz, Haselnüsse und frisch gerösteter Kaffee. Eine voluminöse Frucht mit Aprikose, ein Hauch Karamell und Vanille, abgerundet mit etwas Zitrusschale.
Gaumen:
Man merkt die Frische des Weins – zu Beginn ein großer Korb Zitrusfrüchte, Limette und Mandarine sind zu erkennen, dazu eine sehr lebendige Kohlensäure. Mandeln und Pekannüsse, die typischen Rösttöne sind da, die Frucht ist geprägt von Mirabelle, Aprikose und frischer Birne. Mit Zeit gewinnt der Wein immer mehr an Volumen und Präsenz, was sich auch an seinem sehr langen Finish zeigt. Der Vintage 2006 transportiert die Krug-DNA in Perfektion.

Um auf die Zeit zurückzukommen – natürlich kann dieser exzellente Champagner noch liegen. Und zwar sicher eine längere Zeit, ohne seine präsente Frische einzubüßen. Die Entwicklung dürfte sehr spannend sein. Aber die Zeit hat das Ihre bereits getan, Krug 2006 ist in einem formidablen Trinkfenster und macht aktuell riesige Freude, solo oder auch als Begleiter zu einem guten Essen.
Diesem Champagner gelingt die Quadaratur des Kreises. Er ist voll, präsent, energiegeladen – und zugleich leicht, schwebend, tänzelnd. Das schaffen nur wirklich große Weine.

Es gilt unser Disclaimer: Wir schreiben nur über das, was wir mögen!
Trinklaune.de hat für die Verkostung Produktproben erhalten. Daran geknüpft war weder die Verpflichtung zur Berichterstattung noch eine Einflussnahme auf den Inhalt des Artikels.



Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und die Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

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