Jahreszeitencocktails? – der Sazerac

Als die Tage noch länger waren schrieb ich einigen recht launigen Artikel über Sommercocktails. Über die Lust am Sommerdrink. Da die Tage kürzer nun werden stünde eigentlich ein Artikel über einen Winterdrink an – wahlweise bestehend aus den Komponenten Lagerfeuer, Tee und Lebkuchen. Was aber, wenn es eigentlich keine wirklichen „Sommer- und Wintercocktails“ gibt? Selbstverständlich sind frische Zutaten saisonal unterschiedlich gut erhältlich. Aber was, wenn unser Verständnis von „Sommer“ und „Winter“ nicht dem geschmacklichen Komponenten als solchen gilt, sondern nur der Cocktailkategorie, der verborgenen Idee hinter dem Drink? Lassen Sie mich das am Beispiel des Sazerac erklären.

Frühling – Sazerac Sour

Frühling lässt sein blaues Band…. Es duftet frisch, nach neuem Leben und wir wollen unseren Frühlingsgefühlen freien Lauf lassen. Aufbruchstimmung und Neugier. Gleichzeitig noch die Kühle des Winters in allen Gliedern brauchen wir Nahrung für Körper und Seele. Diese Frische und der Wunsch nach Energie – fast eine Art „Hunger“ nach Drinks. Frühlingszeit ist daher Sour-Zeit. Die Säure gibt den Frischekick, das Eiweiß Energie. Sie sind neugierig, ob das im Sazerac funktioniert? Gut so, denn die Neugier ist das was uns aus unseren Höhlen im Frühling treibt.

Sazerac Sour (Kindredcocktails.com)
6 cl Rye Whiskey
2 cl Zitronensaft
0,5 cl Zuckersirup
1 Eiweiß
5 ds Peychaud’s Bitters
Absinth

Das Gästeglas großzügig mit Absinth ausschwenken. Die anderen Zutaten mit Eiswürfeln shaken. Eiswürfel abgießen und das Eiweiß steif schlagen. In ein Coupe-Glas abgießen (ohne Sieb).

Sommer – Sparkling Sazerac

Der Sommer – die Luft flirrt vor Hitze, ein sternenklarer Abend auf der Terrasse im Haus im Grünen; fröhliche Grillfeste. Der Cocktail ist Nebensache – die schönste Nebensache der Welt? Es muss etwas zum Anstoßen sein, die Gläser müssen klirren. Champagner? Eine kleine Geste der Selbstbestätigung und der Vergewisserung, dass es sich zu leben lohnt. Champagner!

Sparkling Sazerac (Alessandro Romano, Ona Mor)
6 cl Rye-Whiskey (im Original Cognac)
1 cl Zuckersirup
2 ds Peychaud’s
19 cl Champagner
Zitronenzeste

Alle Zutaten bis auf den Champagner auf Eis rühren, in Tumbler mit Eiswürfeln abseihen und mit Champagner auffüllen. Zitronenzeste über dem Glas ausdrücken.

Herbst – The Gerty

Herbst – Phase der Melancholie. Zeit der Ernte und des Einmachens. Die Lager sind voll. Wir haben von allem genug und vor allem viel. Die Blätter leuchten in allen nur denkbaren Farben und wir wollen wie die Maus Frederick auch diese sammeln. Das leuchtende Rot, das in so einem wunderbaren Kontrast zum blauen Himmel steht. Und wir haben Zeit, um uns auch an ungewohnte Aromen heranzutasten. Daher machen wir aus dem Sazerac einen knallroten Sazerac mit ungewöhnlichsten Mischverhältnis.

The Gerty (Frederic Yarm, Boston)
2,5 cl Rye-Whiskey
2,5 cl Zuckersirup
2,5 cl Peychaud’s
2,5 cl Absinth
Zitronenzeste

Auf Eis rühren und in Tumbler ohne Eiswürfel abseihen. Zitronenzeste über dem Glas ausdrücken.

Winter – Der Sazerac

Genug des Frankenstein’schen Spiel mit der gequälten Kreatur! Ein Sazerac muss am Ende des Tages ein Sazerac bleiben. Ein Old Fashioned mit Absinth und Peychaud’s. Und im Winter wollen wir Bewährtes. Ein Drink, der mindestens genauso lange durchhält wie das Kaminfeuer, das wir soeben entzündet haben. Weihnachten? Ach das ist noch ein paar Tage hin. Bis dahin schneit es vielleicht sogar hier in Hamburg.

Sazerac
6cl Rye-Whiskey
1 cl Zuckersirup
3 ds Peychaud’s
Absinth

Einen Tumbler mit Absinth ausschwenken. Die restlichen Zutaten auf Eis im Mixglas verrühren, in den Tumbler auf einen möglichst großen, möglichst kristallklaren Eiswürfel abseihen.

Gibt es also Jahreszeitenzutaten? Mitnichten. Es ist der Stil dahinter, der uns bewegt und zum Trinken einlädt. Und wer jetzt richtig rebellisch sein möchte, der trinkt einen Sparkling Sazerac mitten im Winter zu Silvester. Ach halt nein, das wäre ja auch wieder nur so eine Konvention.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

Slivovitz

3 Kommentare

  1. Goncalo

    … hier zwei kurze Ideen:
    zum Sazerac Sour sei der Rattlesnake genannt; Savoy 1930.
    Und zum Sparkling Sazerac der Buck & Breck; Imbibe 2007.
    Vermutlich 1860.

    Zum Wohle,
    G.

  2. Lieber Goncalo,

    Verflixt! Da hätte ein Blick in die Bücher tatsächlich gezeigt, dass das Konzept nicht nur nicht neu, sondern ziemlich alt ist. Darauf heute abend einen Buck & Breck!

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